October 1, 2022
Vom Hobby-Projekt zum gefragten Drohnen-Startup – trotz bürokratischer Hürden

Auch wenn das Münchener Startup Fairfleet gerade durchstartet und die EU als Kunde dazugewann: Regulatorik und Bürokratie bereiten dem Team Kopfschmerzen.

Dario Manns, Marco Kreuzer und Alexander Engelfried haben die Drohnenfliegerei während ihres Studiums für sich entdeckt.

Dario Manns, Marco Kreuzer und Alexander Engelfried haben die Drohnenfliegerei während ihres Studiums für sich entdeckt.

Unternehmen

Alles habe damit begonnen, dass sie die Drohnentechnologie während ihres Studiums aufregend und cool fanden, erzählt Alexander Engelfried im Gespräch mit Gründerszene. Hinter der Drohnenfliegerei sah der Gründer mit seinen zwei Kommilitonen Marco Kreuzer und Dario Manns schließlich ein lukratives Geschäft. In ihren Augen sollten die kleinen Fluggeräte teure Hubschraubereinsätze für die Inspektion kritischer Infrastruktur wie Pipelines obsolet machen. Oder Anlagen wie Funkmasten, Antennen, Dächer und Gebäude. Und so gründeten sie 2016 das Startup Fairfleet, das Drohnenpiloten an Unternehmen – und seit kurzem auch an Behörden vermittelt.

So gewann das Münchener Startup erst kürzlich eine Ausschreibung des EU-Copernicus-Programms für Katastrophenschutz. Für Fairfleet mündete das Ausschreibungsverfahren in einem Vertrag mit der Europäischen Union über einen Zeitraum von vier Jahren. Im Rahmen dessen wurde Flairfleet damit beauftragt, eine europaweite Plattform an Drohnenpiloten aufzubauen, die dann im Katastrophenfall entsprechend zeitnah Luftaufnahmen betroffener Gebiete machen und anschließend offiziellen Stellen zur Verfügung stellen soll.

Zusammenarbeit mit der EU – gut fürs Marketing, eher schlecht für die Geldbörse

Ein Manko dabei: Das Geld, das Fairfleet mit der EU verdienen wird, ist mit knapp einer halben Million Euro über vier Jahre nicht mal so hoch. Das sind im Jahr etwa 125.000 Euro. Aktuell liegt der Jahresumsatz bei rund einer Million Euro, so Engelfried. Der Vertrag mit der EU macht also nur etwa ein Zehntel des Gesamtumsatzes aus.

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Von der Zusammenarbeit mit der EU erhoffen sich die Gründer vor allem: mehr Akzeptanz für die Drohnenfliegerei in Deutschland und Europa. Denn die ließe bisher zu wünschen übrig: „Häufig rufen Nachbarn die Polizei, wenn unsere Drohnenpiloten ihre Aufträge erfüllen.“ Und so ende etwa jeder zehnte Flug, den die Drohnenpiloten des Startups durchführen, mit einer Polizeikontrolle – aufgrund von Bürgerbeschwerden. Vielen sei die Drohnenfliegerei noch fremd, erklärt Engelfried.

KI-betriebene Plattform soll Flugstrecken selbst ermitteln können

Die Idee des Startup-Geschäfts ist es, Drohnenpiloten und Firmen über eine Plattform zu vernetzen. Das geschieht zum Großteil automatisch, von der Terminkoordination hin zur Planung der Flugrouten. Zudem soll die vom Startup eigens entwickelte KI über die Drohnen- und Kameraeinstellungen eigenständig entscheiden können. Der Drohnenpilot muss vor Ort also nicht viel machen, außer das Equipment und die Lage im Blick zu behalten.

Nach dem Dreh werden die Luftaufnahmen von den Drohnenpiloten in ein entsprechendes Programm hochgeladen, damit die Auf- und Nachbereitung des Materials für den Kunden beginnen kann. „Das ist mit Abstand der aufwendigste Teil“, so der Gründer, der sich immer wieder stichprobenartig ein eigenes Bild von den Aufnahmen mache. In der Nachbearbeitung wird das Material dafür genutzt, um mögliche Schäden, Konstruktionsfehler oder sonstige Mängel ausfindig zu machen und im Material entsprechend kenntlich zu machen. Zudem soll Fairfleet mit dem Videomaterial auch 3D-Modelle und Messungen durchführen können.

Polizeikontrollen könnten künftig die Auftragsarbeit für die EU behindern

Die Vorteile der Drohnentechnologie sehen viele Anwohner anscheinend nicht: Insbesondere bei Aufnahmen von Gebäuden oder Dächern greifen sie häufig zum Telefon, um die 110 zu wählen, so Engelfried. Für Fairfleet könne das künftig richtig zum Problem werden, erklärt der Gründer. Etwa, wenn das Startup Luftbilder aus Katastrophengebieten sammeln soll, wie der Auftrag der EU lautet. Bereits bei Einsätzen nach der Jahrhundertflut an der Ahr im vergangenen Jahr seien Drohnenpiloten des Startups von Einsatzkräften vor Ort immer wieder gestoppt worden.

Eigentlich benötigt es ein einheitliches Ausweisdokument für Drohnenpiloten, das in ganz Europa anerkannt werde, betont Engelfried. Um ein solches Dokument auf den Weg zu bringen, steht der Gründer derzeit mit deutschen sowie europäischen Behörden in Kontakt. Ein Akt, der dem Gründer häufig Kopfschmerzen bereite – vor allen Dingen hierzulande. „Ich glaube, dass die föderale Struktur in Deutschland ein riesengroßes Problem ist für Drohnen-Startups wie uns.“

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So muss Fairfleet, um einen nur wenige Minuten dauernden Flug anzumelden, seitenweise Formulare ausfüllen und prüfen lassen, wie Co-Gründer Dario Manns im vergangenen Jahr im Rahmen einer öffentlichen Anhörung des Bundestages kritisierte. Das sei laut dem Protokoll, das Gründerszene vorliegt, nur eins von vielen streng angelegten Korsetts, mit denen Drohnenfirmen zu kämpfen haben. „Andere Länder sind uns mittlerweile längst voraus“, heißt es. Manns forderte unter anderem das Ende der einer zersplitterten Zuständigkeit für verschiedene Genehmigungen wie Betriebsgenehmigungen, Betriebserklärungen sowie Ausnahmegenehmigungen.

Münchener Firma zählt über 3.000 Drohnenpiloten weltweit

Trotz überbordender bürokratischer Herausforderungen hat es das Startup mit Sitz in München weit gebracht: Eigenen Angaben zufolge zählt Fairfleet über 3.000 registrierte Drohnenpiloten auf der ganzen Welt, darunter auch Schüler, Studenten und Leute, die sich nebenberuflich damit etwas dazuverdienen. Dem gegenüber stehen aktuell 15 Mitarbeiter.

Um sich als Drohnenpilot bewerben zu können, muss man im Voraus entsprechende Führerscheine vorlegen und diverse Tests bestehen und beispielsweise eigene Luftaufnahmen im Garten aufnehmen.

Die Drohnenpiloten erledigen Aufträge mit ihrem eigenen Equipment, wofür sie entsprechend finanziell entschädigt werden. Luftaufnahmen von Photovoltaikanlagen lässt sich die Firma mit knapp 900 Euro vergüten. Wie viel davon bei den Piloten landet, will Engelfried nicht verraten. Die Preise variieren, da sich diese unter anderem aus den Anfahrtswegen zum Kunden, dem Stundenlohn des Piloten sowie der Qualität der Aufnahmen ergibt.

Allianz und Engels & Völkers: Versicherungen und Immobilienfirmen zählen zu Fairfleets Kunden

Der Markt um Drohnen ist ein wachsender. Von Luftaufnahmen über Waldbepflanzung und der Bekämpfung von Brandherden bis hin zu Flugtaxen: Der Hype der Drohnen-Startups verleitete sogar die alteingesessene Versicherungslandschaft, von unbemannten Flugsystemen Gebrauch zu machen. So gehört beispielsweise die Allianz oder die Versicherungskammer Bayern zu den Kunden des Münchener Startups. Weitere prominente Namen wie der Immobiliendienstleister Engel & Völkers oder die französische Großbank Bnp Paribas sind Kunden.

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Die Idee für das Startup hatte das Gründertrio, als sie während ihrer Studienzeit an der IU Hochschule Aufträge von Firmen bekamen, mit ihren eigenen Drohnen Aufnahmen aus der Luft zu schießen. „Wir haben Drohnen-Content für Hotels erstellt und konnten so kostenlos Urlaub machen“, erzählt Engelfried. Sie flogen für ihren Job um den ganzen Erdball: Bali, Arizona, Australien, Alaska, um nur einige Destinationen zu nennen. Auch bekannte Firmen wie etwa National Geographic beauftragten die jungen Studenten, sie mit Luftaufnahmen zu versorgen.

2018 sammelte das Startup dann das erste Mal VC-Geld ein. Damals investierte der Hightech Gründerfonds (HTGF) eine bis dato unbekannte Summe. Insgesamt, so Engelfried, sei bisher eine überschaubare Summe im mittleren siebenstelligen Bereich in das Drohnen-Startup geflossen. Die in Düsseldorf ansässige VC-Firma 3e Capital Group, das auch Volocopter zu seinem Portfolio zählt, sei ebenfalls investiert.

Fehlende Ersatzteile durch weltweite Lieferengpässe: Krisen setzen auch dem Startup zu

Seit ihrem Studenten-Dasein hat die Welt einige Krisen zu meistern gehabt, nicht zuletzt das Problem der Lieferengpässe infolge der Corona-Pandemie und des Ukraine-Krieges. „Unsere Piloten hatten Schwierigkeiten, Ersatzteile für ihre Geräte zu finden“, so Engelfried. Das Problem halte bis heute an, denn mit Beginn der russischen Invasion in die Ukraine seien viele Drohnen ins Krisengebiet geliefert worden, was eben zu Engpässen im Markt geführt habe. „Es gab den ein oder anderen Piloten, der seine Drohne nicht repariert bekam oder kein neues Equipment kaufen konnte. Dadurch mussten wir in vielen Fällen die Deadline von dem ein oder anderen Kunden herauszögern.“

Und auch deshalb mag sich die Münchener Firma dazu entschieden haben, eine Kooperation mit einem anderen Münchener Startup zu schließen, das selbst Drohnen herstellt: Quantum-Systems. Die Idee: Künftig sollen Drohnenpiloten, die für Fairfleet arbeiten, Rabatte erhalten, wenn sie bei Quantum Systems einkaufen. Zudem sollen sie auch mehr Aufträge angeboten bekommen, wenn sie über eine solche Drohne verfügen – da sie im Vergleich zu anderen Modellen länger in der Luft bleiben kann. Das sei vor allen Dingen bei Aufträgen im größeren Umfang wichtig.

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Quantum-Systems baut elektrisch angetriebene Hightech-Drohnen, die bisher vor allem als Überwachungsdrohnen eingesetzt wurden – auch in der Ukraine. In den vergangenen Monaten landete der Drohnenbauer zudem immer wieder in den Schlagzeilen, da ausländische Regierungen Bestellungen bei der Münchener Firma tätigten. Auch das deutsche Verteidigungsministerium entschloss sich schließlich, einige Fluggeräte des Startups zu bestellen.

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