September 25, 2022
Ukraine: Wie hoch ist das nukleare Risiko um das AKW Saporischschja? ​

Russische Truppen bringen seit ihrem Einmarsch am 24. Februar Tod und Zerstörung in die Ukraine. Nun haben Experten der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) das Gelände um das ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja begutachtet. Sie zeigen sich besorgt und fordern Maßnahmen, um das nukleare Risiko zu mindern, wie etwa eine Sicherheitszone. Inzwischen ist das Atomkraftwerk auch nicht mehr am Stromnetz angeschlossen. Unter Beschuss war an einer Notstromleitung zwischen dem AKW und dem Wärmekraftwerk ein Feuer ausgebrochen.

Im März 2022 sprach MIT Technology Review mit Vadim Chumak. Er ist Leiter des Dosimetrie-Labors für externe Strahlenbelastung am Nationalen Forschungszentrum für Strahlenmedizin in Kiew. Angesichts der aktuellen Entwicklung veröffentlichen wir an dieser Stelle das Interview erneut. Chumak gibt darin seine Einschätzung zum Risiko eines nuklearen Unfalls.

Herr Chumak, befürchten Sie, dass es in der Ukraine zu einer nuklearen Katastrophe kommen könnte?

Derzeit gibt es zwei große Atomanlagen, die von Russland erobert wurden. Die eine ist in Tschernobyl, die andere in Saporischschja. In Saporischschja gibt es sechs Reaktoren und ein Lager für abgebrannte Brennelemente. Diese abgebrannten Brennelemente sind sehr gefährlich – sie enthalten eine Menge hochradioaktiver Stoffe.

Vadim Chumak.

(Bild: privat)

Frische Brennelemente sind viel weniger gefährlich als abgebrannte. Wenn letztere einige Jahre lang im Reaktorkern gearbeitet haben, sammeln sie eine enorme Menge an Spaltprodukten an, die sehr radioaktiv sind, etwa Jod, Cäsium und Strontium. Sollte es zu einer Beschädigung der in Saporischschja gelagerten abgebrannten Brennelemente kommen, könnte dies zu einer enormen radiologischen Katastrophe führen, die vergleichbar mit den Ereignissen in Tschernobyl wäre.

Was ist mit den Reaktoren selbst?

Ich denke nicht, dass eine Zerstörung der Reaktoren selbst wahrscheinlich ist. Sie sind in speziellen Gebäuden untergebracht, die widerstandsfähig und sehr schwer zu zerstören sind. Diese Gebäude sind so konstruiert, dass ein großer Jumbo-Jet direkt auf eines von ihnen fallen könnte, und es würde noch stehen.

Die wahre Gefahr sind die abgebrannten Brennelemente, die eben am selben Standort gelagert werden. Das russische Militär hat bereits Geschosse auf Saporischschja abgefeuert, was völlig verrückt ist. Vielleicht haben sie Waffen, die diese Gebäude zerstören könnten.

Warum stellen die abgebrannten Brennelemente ein größeres Risiko dar?

Das Lager für abgebrannte Brennelemente war nie dafür ausgelegt, von Panzern oder Raketen angegriffen zu werden, wie es Russland derzeit in der Ukraine tut. Bei der Sicherheitsbewertung von Nuklearanlagen werden die Gebäude für den so genannten “maximal vorhersehbaren Unfall” ausgelegt, der als der schlimmste anzunehmende Fall gilt. Mehr als das können sie aber nicht aushalten.

Das ist zum Beispiel in Fukushima passiert. Die Entwickler haben Abwehrmaßnahmen für den Fall eines Tsunami ergriffen, um die Anlagen zu schützen. Aber der Tsunami war dann ein oder zwei Meter höher als für den schlimmsten Fall abgenommen.

Das Lager für abgebrannte Brennelemente in der Ukraine wurde so konzipiert, dass es sehr stabil ist und im Normalbetrieb vielleicht sogar dem Absturz eines Jumbo-Jets standhalten könnte. Einem Angriff mit modernen Waffen kann es jedoch definitiv nicht standhalten.

Am Standort Tschernobyl lagern etwa 20.000 abgebrannte Brennelemente. Sie sind alt, und ein großer Teil des Materials ist verrottet. Aber sie enthalten immer noch eine Menge langlebiger Radionukleotide wie Cäsium und Strontium. Wenn Russland verrückt genug wäre, sie zu zerstören, wäre das ein Problem.

In der Ukraine sind Krankenhäuser bombardiert worden. Stellen die radioaktiven Materialien in diesen Gebäuden ein Risiko dar?

Darüber müssen wir nachdenken, denn in diesem Krieg sind viele unvorstellbare Dinge wahr geworden. Es gibt zwei medizinische Strahlungsquellen. Zum einen geben Maschinen wie Röntgengeräte oder Linearbeschleuniger, die zur Behandlung von Krebs eingesetzt werden, eine gewisse Strahlung ab – aber nur, wenn sie angeschaltet sind. Sobald man sie ausschaltet, ist es nur noch ein Stück Metall.

Zum anderen werden in der Nuklearmedizin und in der Strahlentherapie Isotope wie Kobalt oder Cäsium eingesetzt, zum Beispiel bei der Positronen-Emissions-Tomographie (PET). Diese Strahlenquellen sind im Krankenhaus physisch geschützt, das heißt, sie sind vor Diebstahl geschützt. Aber sie sind nicht vor einem Bombentreffer geschützt.

Wenn sie kompromittiert würden, könnte es zu einem Unfall wie dem von Goiânia in Brasilien im Jahr 1989 kommen. Damals stahlen und demontierten einige Leute ein Strahlentherapiegerät von einem verlassenen Krankenhausgelände, um die Teile als Schrott zu verkaufen. Dabei entdeckten sie diese kleine Ampulle, die mit Cäsium gefüllt war und in der Nacht blau leuchtete.

Es ist eine lange Geschichte, aber eine einzige geöffnete Strahlungsquelle verseuchte einen Großteil von Goiânia. Vier Menschen starben, 20 mussten im Krankenhaus behandelt werden, und 249 Menschen wurden kontaminiert. Fünfundachtzig Häuser wurden erheblich kontaminiert, und 200 der in diesen Häusern lebenden Menschen wurden evakuiert. Diese Art von Szenario muss also in Betracht gezogen werden. Und dann hat man noch nicht an eine böswillige Nutzung dieser Quellen gedacht.

Wie werden die Kernkraftwerke in der Ukraine jetzt überwacht?

In jedem Kernkraftwerk wurden Strahlungsüberwachungsnetze eingerichtet, die jetzt aber abgeschaltet wurden, so dass die ukrainischen und internationalen Behörden keine Echtzeitdaten mehr von ihnen erhalten. Die ukrainische Regierung und die ukrainischen Behörden haben keinen Zugang mehr zu diesem Netz, das vor der Invasion sehr ausgefeilt und funktionsfähig war.

Außerdem gibt es ein landesweites Fernüberwachungsnetz, das Strahlung aufspüren soll. Ich denke, dass die den Kraftwerken am nächsten gelegenen Punkte ebenfalls deaktiviert oder zumindest von diesem allgemeinen Netz abgeschnitten sind. Wenn etwas wirklich Schlimmes passieren würde, würde es von weiter entfernten Überwachungsstellen bemerkt werden. Es handelt sich aber nicht um eine Echtzeitkontrolle, es würden Stunden vergehen, bevor es bemerkt würde. Es sei denn, es wurde von Leuten gemeldet, die unter russischer Kontrolle stehen.

Hat es bisher bereits Probleme gegeben?

Ich weiß aus offiziellen Berichten, dass kurz nach der Invasion, bevor die Verbindung gekappt wurde, am Standort Tschernobyl ein etwa fünffacher Anstieg der Strahlendosis gemessen wurde. Die plausibelste Erklärung ist, dass Panzer radioaktives Material auf dem Boden aufgewirbelt haben.

Die Sperrzone von Tschernobyl ist ein beschränktes Gebiet. Ein gewisser Tourismus ist erlaubt, und wenn man sich an die Regeln hält, ist es ziemlich sicher – aber es kann trotzdem gefährlich sein. Die Panzer wurden abseits der Straße hin- und hergefahren. Nach dem Unfall von 1986 war das Gebiet sehr stark kontaminiert, und einige der am stärksten kontaminierten Bereiche wurden mit Erde und Vegetation bedeckt, um eine Wiederaufwirbelung der Radioaktivität zu verhindern.

Die Panzer können diese stark kontaminierten Bodenschichten sofort aufbrechen. Diese Leute [russische Soldaten] missachten nicht nur das Gesetz, sondern auch alle vernünftigen Strahlenschutzregeln. Jetzt haben sie diesen Staub eingeatmet und haben Strahlung in ihrem Körper. Das ist aus ökologischer Sicht und aus globaler Sicht dumm. Auf lokaler Ebene ist es sehr gefährlich sowie dumm. Die Verfünffachung der Dosis wäre ein lokales Problem.

(vsz)

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