October 6, 2022
Sie lassen Amateurfußballer viral gehen – mit Geld von Borussia Dortmund

Das Essener Startup Staige streamt Amateursport mithilfe von 180-Grad-Kameras und künstlicher Intelligenz – und hat sich ein Investment des BVB gesichert.

Mit ihrem Startup Staige wollen Co-Gründer Marvin Baudewig (CTO) und Jan Taube (CEO) dem Amateursport eine Bühne geben.

Mit ihrem Startup Staige wollen Co-Gründer Marvin Baudewig (CTO) und Jan Taube (CEO) dem Amateursport eine Bühne geben.

Staige

Pfostenschüsse aus fünf Metern Entfernung, Rudelbildung und technisch perfekte Fallrückzieher: Highlight-Clips aus der Fußball-Amateurligen sind ein virales Phänomen. Die Videos sammeln teilweise Millionen Klicks und bringen das ganze emotionale Spektrum des Breitensports ungeschminkt und sehr unterhaltsam auf den Bildschirm. Interesse am Amateurfußball gibt es im Internet also allemal – die Sichtbarkeit der Vereine im digitalen Raum ist allerdings oft kaum vorhanden.

Hier setzt das Essener Startup Staige an. Das Unternehmen bietet Amateurvereinen mithilfe von automatisiertem Streaming eine digitale Bühne. Die sei für den Amateursport wichtig, erklärt Co-Gründer und CEO Jan Taube, gerade wenn Vereine junge Mitglieder rekrutieren wollen: „Die Kids wissen oft gar nicht mehr, dass es die Amateurvereine gibt“. Denn junge Mitglieder bewegen sich hauptsächlich online. Und diejenigen, die in Vereinen spielen, hätten oft keine Videoaufzeichnungen. „Selbst wenn sie da mittwochs abends ’ne coole Hütte im Training gemacht haben, können sie das nicht auf TikTok, Instagram, wo auch immer teilen. Mit unserem Tool bieten wir eben die Möglichkeit“, so Taube.

Die Idee von Staige: Eine 180-Grad-Kamera mit sechs Linsen nimmt – einmal auf Höhe der Mittellinie aufgestellt – automatisiert das Spielgeschehen auf. Die Aufzeichnung wird live über die hauseigene Website von Staige gestreamt oder privat gespeichert. Zooms, Schwenks, Szenenauswahl: Die Regie übernimmt ein intelligenter Algorithmus. Zwischen 800 und 1.000 Spiele streamt Staige eigenen Angaben zufolge jedes Wochenende.

Amateurvereine erreichen dadurch live und in Full HD die Wohnzimmer – oder über Highlight-Clips eben die sozialen Medien. Außerdem können sie das Material für das Training benutzen, wobei eine Coaching-Software hilft. Bezahlen müssen die Vereine im Abo-Modell, das je nach gebuchten Diensten ab 150 Euro im Monat zu haben ist. „Einmal aufgestellt, haben wir eine sehr, sehr niedrige Churn-Rate“, sagt Taube.

8,5 Millionen Euro – unter anderem von Borussia Dortmund

Gestartet sind Taube und sein Co-Gründer und CTO Marvin Baudewig mit Staige im Jahr 2017 – damals noch unter dem Namen Soccerwatch, später AISportswatch. Die Rebrandings signalisieren, dass es nicht mehr nur um Fußball geht. Basketball, Handball, Eishockey: Eigentlich können alle Sportarten mit begrenztem Spielfeld übertragen werden. Die Idee kam von einem ehemaligen Mitstreiter: „Mich dafür zu begeistern, war natürlich einfach“, erinnert sich der Ex-Eishockey-Profi Taube. „Als ich früher im Nachwuchs-Eishockey gespielt habe, haben meine Eltern sich jedes Spiel angeguckt. Wenn das jemand mit der Kamera gefilmt hat, habe ich mir die Spiele danach selbst nochmal angeschaut.“

Fünf Jahre später sind gut 1.000 Kamerasysteme im Einsatz. Es geht jetzt um die Skalierung – und dafür hat das Unternehmen kürzlich prominente Unterstützung vom Bundesligisten Borussia Dortmund erhalten. Im Juni investierte der Verein zusammen mit einem Family-Office und Bestandsgesellschaftern insgesamt 8,5 Millionen Euro. Das Investment erwuchs aus einer bestehenden Zusammenarbeit: Obwohl sich Staige vor allem an den Amateurbereich richtet, hatte der BVB, wie auch Dauer-Meister FC Bayern München, das Kamerasystem schon länger für Spiele der Jugend- und Frauenmannschaften eingesetzt.

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Profi-Datenanalyse im Amateurbereich

Das Know-how des Traditionsvereins fließt nun unter anderem in die Weiterentwicklung des Coaching-Tools. Trainer im Amateurbereich sollen mit professionellen Methoden dabei unterstützt werden, ihr Team zu analysieren, ohne viel Zeit aufwenden zu müssen. Langfristig schwebt den Gründern vor, dass Amateurspieler leicht an Daten wie Passgenauigkeit oder Laufleistung kommen – wie bei den Profis.

Mit dem Geld haben Taube und Baudewig außerdem die Produktionskapazitäten aufgestockt. Auf 700 Quadratmetern werden in Essen aktuell bis zu 50 Kameras pro Woche produziert – künftig sollen es bis zu 150 werden. Auch Expansion steht auf dem Programm: Über Partnerschaften, unter anderem mit RTL, ist Staige bereits in Luxemburg, Österreich und der Schweiz vertreten. Kürzlich kam mit Footters ein spanischer Streamingdienst hinzu, der auch in Lateinamerika aktiv ist. „Für die nächsten zwei Jahre ist der Fokus sicherlich Europa“, erklärt Baudewig. Über ein Lizenzmodell wie mit Footters seien aber auch Kooperationen in weiteren Regionen möglich.

„Das gab einen riesigen Shitstorm“

Bis die Technik von Staige einwandfrei lief, gab es allerdings auch einige Rückschläge. „Die ersten Kameras haben sich bei der Hitze im Hochsommer so verzogen, dass die Bilder nicht mehr aneinander passten“, erinnert sich Baudewig. „Das hat uns überrascht, als die Saison gerade wieder losging. Wir mussten das dann softwareseitig ausgleichen und langfristig hardwareseitig anpassen.“ Und als Staige ein Testspiel der ersten Mannschaft von Schalke 04 übertrug, brachen die Server unter der Last der 40.000 Live-Zuschauer zusammen. „Das gab einen riesigen Shitstorm“, erzählt Taube.

Diese Startschwierigkeiten sind aber mittlerweile behoben. Und automatisiertes Streaming hat durch die Corona-Pandemie einen Boom erlebt – mit dem Ergebnis, dass Staige auch Anfragen aus anderen Branchen bekommt. Von Messen oder Stadtratssitzungen beispielsweise. Ein weiterer Use Case: Gottesdienste. „Wir streamen aktuell verschiedene Kirchen“, berichtet Taube. „Da geht es um eine Erweiterung des Kirchenraums, Streaming eines Gottesdienstes in Altenheime und Krankenhäuser.“ Hier sei man aber weit entfernt von Skalierungsgedanken: „Der Fokus liegt auf dem Sport.“

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