October 6, 2022
Preisexplosion droht: Darum wird Carsharing bald richtig teuer

Kaum Konkurrenz, hoher Gewinndruck: In Deutschland werden künftig nur noch zwei Carsharing-Anbieter dominieren. Für Kunden ist das keine gute Nachricht.

Carsharing-Kunden müssen sich auf steigende Preise einstellen. Schon jetzt gibt es einen spürbaren Anstieg bei Minuten- und Paketpreisen.

Carsharing-Kunden müssen sich auf steigende Preise einstellen. Schon jetzt gibt es einen spürbaren Anstieg bei Minuten- und Paketpreisen.

picture alliance / photothek | Thomas Trutschel

Dass es in Deutschland noch Carsharing gibt, grenzt an ein Wunder. Keines der Unternehmen, die in den vergangenen Jahren Fahrzeuge nach dem sogenannten „Free Floating“-Prinzip angeboten haben, hat Geld verdient. Weder Car2go und Drivenow, noch Sharenow und Weshare. Auch für den Mietwagen-Primus Sixt ist Carsharing eher ein Zuschussgeschäft, wenngleich das Unternehmen eine Besonderheit hat: Es verdient teilweise Geld, weil Fahrzeuge, die ohnehin Teil der Flotte sind, nicht herumstehen. Werden die Autos später für das Mietwagengeschäft benötigt, werden sie einfach aus dem Angebot gestrichen – und deutlich teurer an Kunden vermietet. Ein Vorteil gegenüber Wettbewerbern.

Ausverkauf der Carsharing-Dienste?

Dennoch ist das wirtschaftliche Umfeld für Carsharing hierzulande schlecht. So ist es auch nicht verwunderlich, dass der Markt sich im vergangenen Jahr verändert hat. BMW und Daimler beispielsweise haben ihre Carsharing-Tochter Sharenow an Stellantis verkauft. Zudem hat die VW-Tochter Greenwheels kürzlich bekannt gegeben, sich aus dem deutschen Markt zurückziehen zu wollen.

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Damit verschwindet ein weiterer Anbieter aus Deutschland, der vor allem mit Kombis für Familien punkten konnte. Als Alternative verweist Greenwheels auf Weshare, das ebenfalls Teil der Volkswagen-Gruppe ist. Weshare plant demzufolge sein Angebot in Deutschland weiter auszubauen. Bislang sind die Fahrzeuge des Unternehmens ausschließlich in Berlin und Hamburg verfügbar.

Die Frage ist allerdings, ob es dazu wirklich kommt. Denn der kürzliche Chefwechsel an der Spitze von Volkswagen könnte auch zu einer Neubewertung der digitalen Angebote führen. Es ist nicht bekannt, wie der künftige VW-Chef, Oliver Blume, zum Thema Carsharing steht. Immerhin hat Porsche etliche digitale Ableger und diese auch weiter ausgebaut. Die Kosten des Carsharing dürften innerhalb des VW-Konzerns keine große Rolle spielen. Zumal Weshare auch gerade die Preise erhöht hat.

Die Preise steigen

Ganz grundsätzlich sind Weshare und Sixt auf dem Carsharing-Markt in Europa kleine Fische. Nach dem Verkauf von Sharenow an Stellantis hat der Mischkonzern die internationale Führung übernommen. Durch den nun geplanten Zusammenschluss von Free2Move (in Frankreich und den USA aktiv) mit Sharenow, ist Stellantis der einzige Global Player im Carsharing-Sektor. Auf dem deutschen Markt gibt es somit kaum noch Konkurrenz. Da Weshare bisher nur in wenigen Städten verfügbar ist, teilen Stellantis und Sixt den Markt größtenteils unter sich auf.

Für Konsumenten sind das schlechte Nachrichten. Sie müssen mit höheren Preisen rechnen. Schon jetzt gibt es einen spürbaren Anstieg bei Minuten- und Paketpreisen. Und ohne genug Konkurrenz wird sich das nicht ändern. Neue Anbieter wird es ebenfalls so schnell nicht geben. Der junge Anbieter Bolt hat zwar ein Carsharing-Angebot, aber nur im Heimatmarkt Estland. Wie das Startup unlängst mitteilte, ist eine Ausweitung des Angebots in andere EU-Länder zudem nicht geplant. So bleiben weltweit neben Stellantis nur zwei Anbieter übrig, die zumindest theoretisch den EU-Markt betreten könnten.

Konkurrenz ist nicht in Sicht

Evcard ist zum Beispiel einer davon: Das Unternehmen des chinesischen Autobauers SAIC vermietet in einigen Städten Elektrofahrzeuge an Kunden. SAIC, das auch mit BMW verbandelt ist, hätte sicher die finanziellen Möglichkeiten, scheint aber an einer Expansion nicht interessiert zu sein. Ähnliches gilt für das US-Startup Zipcar, das seit einigen Jahren zum Autovermietungs-Gigant Avis gehört. In den USA ist Zipcar mehr oder weniger Marktführer, aber in die EU hat sich das Unternehmen bisher nicht vorgewagt. Einzig in Island und in Großbritannien hat das Unternehmen eigene Fahrzeuge im Angebot.

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Für Sixt und Stellantis ist die mangelnde Bewegung auf dem Carsharing-Markt deshalb eine gute Nachricht. Die jahrelangen Investitionsphasen können somit langsam in eine Gewinnphase münden. Vorausgesetzt, die Preise werden weiter angehoben. Bis zu welcher Höhe, ist eine andere Frage. Für die meisten Menschen ist Carsharing interessant, wenn sie eine günstige und flexible Mobilitätslösung benötigen. Fällt das günstig als Argument weg, verliert das Carsharing rasch an Attraktivität.

Fazit: Zugunsten von Kunden wird sich im Carsharing in den nächsten zwei bis drei Jahren wenig ändern. Auch eine Ausweitung der Angebote in kleinere Städte steht bei den Unternehmen nicht auf dem Programm. Ändern wird sich das alles erst, wenn das vollautonome Fahren den Anbietern ermöglicht, die Autos selbstständig durch die Stadt fahren zu lassen. Dies dürfte die Preise dramatisch fallen lassen und auch neue Anbieter auf den Markt locken.

Don Dahlmann ist seit über 25 Jahren Journalist und seit über zehn Jahren in der Automobilbranche unterwegs. Jeden Montag lest Ihr hier seine Kolumne „Drehmoment“, die einen kritischen Blick auf die Mobility-Branche wirft.

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