September 28, 2022
Matthias Brandt: “Der Schauspielberuf hat eine große Komponente, die eine permanente Enttäuschung ist.”

Ja, klar.

Da tauchen die ganz großen Namen der BRD auf, und Sie beschreiben diese großen Männer aus der Sicht eines Kindes, tun das aber zu einem Zeitpunkt, als Sie schon ein sehr erfolgreicher Schauspieler waren, mit etlichen Preisen ausgezeichnet. Man könnte diese Kurzgeschichten so lesen, als würden Sie sagen: „Ich zeige euch mal, warum ich Schauspieler geworden bin.“ Als hätten diese Riesen oder auch Scheinriesen, die Sie in Ihrer Kindheit beobachtet haben, wieder aus Ihnen rausgemusst.

Hm, interessant.

Da trinken Sie Kakao mit Heinrich Lübke, dem früheren Bundespräsidenten, oder Sie müssen durch zwei Türen hindurch, um vorsichtig ins Büro Ihres Vaters zu treten. Ist die schauspielerische Arbeit ein Ausgleich zwischen kindlichem Schauen und den Riesen der alten Bundesrepublik?

Also, na ja, wenn man jetzt mal sagt, da berichtet ein Kind, dann sind die Männer, von denen im Wesentlichen erzählt wird, für dieses Kind normal. Riesen sind sie vielleicht für den Leser oder Betrachter aus der heutigen Perspektive. Kinder sind ja Pragmatiker. Die nehmen, was sie vorfinden, und wenn diese Leute die Normalität sind, dann ist das die Normalität.

Ja, aber dieser Junge zieht denen so ein bisschen den Stecker. Er macht die kleiner.

Das ist total interessant. Ich glaube nicht, dass ich das als Anspruch formuliert hätte, als ich angefangen habe, diese Geschichten zu schreiben, aber ich veröffentliche sie ja, weil mich genau so ein Blick wie Ihrer jetzt interessiert und mich zum Nachdenken bringt. Ich glaube, in der künstlerischen Arbeit ist es ganz oft so, dass man die erst mal macht und erst im Nachhinein erkennt, warum man das gemacht hat.

Sie beschreiben da Räume, die bewacht werden, Personenschützer, die Sie zur Kirmes fahren, ein Gewehr, das auf den Hund des kleinen Jungen gerichtet wird. Der Junge, aus dessen Sicht wir diese Geschichten von Ihnen hören, erobert sich all diese von Personenschützern gesicherten Räume zurück. 

Es gibt noch eine andere Ebene, die ganz wichtig ist. Die kindliche Gefühlswelt ist für mich eine unheimliche Fundgrube. Ich musste das Bewusstsein und die Erinnerung an kindliche Erfahrung präsent halten, weil das für mich schauspielerisch einfach so ergiebig ist. Erstens ist das eine Zeit, in der man Dinge zum ersten Mal erlebt, und alle wesentlichen Erfahrungen sind am massivsten, wenn man sie zum ersten Mal hat. Weil die dann so ganz unmittelbar sind und nicht überlagert 

von irgendwelchen anderen Dingen. Und dann gibt es noch etwas in der kindlichen Wahrnehmung, was für mich beruflich total interessant ist. Und zwar, dass Kinder so nacheinander empfinden. Deswegen sind wir ja so oft verblüfft von denen. Dass die eine Emotion haben, diese aber total, und im nächsten Moment eine andere, genauso total. Manchmal machen wir Erwachsene den Fehler zu glauben, diese Emotionen seien gespielt. Das stimmt nicht. Sondern ich glaube, es hat einfach eine andere Chronologie. Und die ist für einen Schauspieler total ergiebig. Das schnelle Abwechseln total gegensätzlicher Gefühlszustände ist für eine Darstellung sehr ergiebig. Und im Grunde heißt Erwachsenwerden, dass Emotionen plötzlich gleichzeitig stattfinden. Dieser riesige Schock, in der Pubertät, wird dadurch ausgelöst, dass diese Reihenfolge nicht mehr eingehalten wird, in der Emotionen nacheinander über uns kommen, sondern gleichzeitig. Das ist total verwirrend. Ich finde das bis heute eine total interessante Zeit, ganz ungeachtet der Kriterien, dass das eine eher ungewöhnliche Umgebung war, in der ich da aufgewachsen bin. Aber fürs Kind war die ja erst mal nicht ungewöhnlich.

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