September 24, 2022
Kaputtgespart: So stürzte die Flugindustrie in ihre größte Krise aller Zeiten

Airlines und Flughäfen haben sich kaputtgespart, um Profite zu maximieren. Passagiere und Innovationen bleiben auf der Strecke. Das muss aufhören.

Passagiere warten am frühen Morgen am Frankfurter Flughafen auf eine Reisemöglichkeit.

Passagiere warten am frühen Morgen am Frankfurter Flughafen auf eine Reisemöglichkeit.

picture alliance/dpa | Frank Rumpenhorst

Gestrichene Flüge, stundenlange Wartezeiten, verschwundenes Gepäck. Eine Reise mit dem Flugzeug gleicht derzeit einer Lotterie. Die Frage, ob man hin- und auch wieder zurückkommt, stellt sich in diesem Sommer für Millionen Menschen. Flughäfen wie London Heathrow sind derart überlastet, dass sie das Passagieraufkommen bis in den Herbst hinein drosseln müssen, um mit der Abfertigung überhaupt fertig zu werden. Flugreisen sind zu einem Albtraum geworden. Schuld daran haben Flughafenbetreiber und die Fluglinien. Für beide Seiten rächt es sich, zu wenig in die Zukunft investiert zu haben.

Wer nach den Ursachen für die Misere forscht, muss weit zurückblicken. Flugreisen waren bis in die 2000er-Jahre hinein meist teuer. Auch wenn Fluggesellschaften wie Air Berlin seit den 90er-Jahren der etablierten Lufthansa mit günstigeren Flügen Konkurrenz machten, waren die Preise dennoch vergleichsweise hoch. Das änderte sich erst durch den Boom von Billigfliegern wie Ryanair und Easyjet. Diese profitierten von der Deregulierung des Marktes in der EU. Plötzlich fielen die Preise ins Bodenlose. Einzelne Sitze wurden für einen Euro verkauft. Damit konnte die Lufthansa nicht konkurrieren.

Sparen ohne Rücksicht

Was folgte, war ein radikaler Sparkurs. Bodenpersonal wurde entlassen, die Abwicklung an den Flughäfen an Subunternehmer abgegeben, die Leistungen für Fluggäste radikal zusammengestrichen. Das gesamte System wurde derart eingedampft, dass selbst kleinere Störungen für Chaos sorgten. Direkten Kontakt mit einer Airline aufzunehmen, wenn es Probleme gibt, ist fast unmöglich. Finanzielle Entschädigungen für verspätete Flüge erhält man meist auch nur, weil sich Startups wie Flightright darauf spezialisiert haben, die zahlungsunwilligen Konzerne unter Druck zu setzen.

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Flughafenchaos

Die Corona-Pandemie sorgte dann fast für den Kollaps der globalen Luftfahrtindustrie. Ohne die massiven Hilfen, die Staaten an die Airlines und Flughafenbetreiber ausgezahlt haben, hätten diese nicht überlebt. Geplant war, mit dem Geld auch Arbeitsplätze zu retten. Doch offenbar haben vor allem die Betreiber der Flughäfen und deren beauftragte Subunternehmer kaum Anstalten gemacht, die Arbeitsplätze zu halten. Dass das Passagieraufkommen wieder steigt? Wurde nicht bedacht.

Dabei gab es bereits im vergangenen Winter deutliche Anzeichen für eine Trendwende. Ende 2021 lag das Verkehrsaufkommen in der Luft schon wieder zu rund 80 Prozent auf Vor-Corona-Niveau. Dass die Zahlen jetzt im Sommer gleichauf liegen würden, konnten Airlines und Flughafenbetreiber allein an der gestiegenen Zahl der Pauschalreisen ablesen, die meist Monate im Voraus gebucht werden. Die Aussage, die vielen Passagiere seien im Sommer völlig überraschend am Flughafen aufgetaucht, ist entweder eine Lüge oder eine Bankrotterklärung, weil man das eigene Geschäft nicht kennt.

Service und Innovation werden vergessen

Die radikalen Sparmaßnahmen der Flugindustrie erschweren nun zusätzlich Investitionen in die Zukunft. Während zum Beispiel die Deutsche Bahn in vielen Tickets eine Option anbietet, per ÖPNV zum Bahnhof zu kommen, gibt es bei Flugtickets nicht mal die Option, ein Nahverkehrsticket mitzuerwerben. Während Startups schon lange erkannt haben, dass man sehr viel Geld damit verdienen kann, wenn man auf die Bequemlichkeit der Menschen baut, ignoriert die Flugbranche diese Möglichkeiten komplett.

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Der tägliche Wahnsinn auf vielen Flughäfen ist Ausdruck einer verfehlten Planung.

Dabei steht die Branche nicht nur aufgrund der eigenen Versäumnisse beim Service unter Druck. Die mangelnde Nachhaltigkeit, besonders der Kurzstreckenflüge, zieht immer mehr Kritik auf sich. Frankreich etwa hat die oft überflüssigen Flüge gleich ganz verboten, wenn sich das Ziel innerhalb von zweieinhalb Stunden mit dem Zug erreichen lässt und es sich nicht um einen Anschlussflug handelt.

Die Airlines haben es verpasst, ihr Geschäftsmodell zu erweitern. Stattdessen ruhen sich die nur noch auf maximalen Profit getrimmten Flughäfen auf ihrem Monopol aus. Passagiere auf der ganzen Welt tragen nun die Konsequenzen. Diese ignorante Geschäftspolitik muss aufhören.

Don Dahlmann ist seit über 25 Jahren Journalist und seit über zehn Jahren in der Automobilbranche unterwegs. Jeden Montag lest Ihr hier seine Kolumne „Drehmoment“, die einen kritischen Blick auf die Mobility-Branche wirft.

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