October 6, 2022
IFA: IFA 2022: “Überstandard” Matter kann erstmals ausprobiert werden

Die IFA 2022 nährt die Hoffnung, dass sich Smart-Home-Technik unterschiedlicher Herkunft bald auch ohne Cloud-Zwang in Betrieb nehmen und gemeinsam bedienen lässt. Dafür soll der geplante Kommunikationsstandard Matter sorgen. Die Initiatoren Amazon, Apple, Google und Samsung sowie mehrere hundert Partnermarken haben ihn für eine rein lokale Steuerung konzipiert. Als eine Art “Überstandard” erlaubt Matter einen Setup mit diversen Partner-Apps statt nur einer einzigen vom jeweiligen Hersteller.

Wie das den Betrieb und eine stärkere Datenhoheit im Smart Home vereinfachen kann, zeigt am eindrücklichsten Hersteller Eve in Halle 5.2. Bisher sind dessen Produkte rein mit Apples HomeKit-Plattform und Siri kompatibel. Doch in Berlin können Smart-Home-Fans am Stand 117 die smarte Steckdose Eve Energy testweise auch mit Kommandos von Amazon Alexa und Google Assistant ein- und ausschalten. Die Befehle nehmen die Mikrofone eines Echo 4 und eines Google Nest Hub 2 entgegen und leiten sie an das Steckdosenrelais weiter. Zudem reagiert der Zwischenstecker auf App-Schaltbefehle von Google Home und Samsung SmartThings – auch auf Android-Smartphones statt wie bisher einzig auf dem iPhone.

Bisher Apple-exklusives HomeKit-Zubehör, das sich ohne Cloud mit Google-Sprachbefehlen und einem Android-Smartphone bedienen lässt? Hersteller Eve zeigt auf der IFA 2022, was Matter möglich machen soll.

(Bild: Berti Kolbow-Lehradt)

Die Schaltsignale tauschen die mit einer experimentellen Firmware bestückten Geräte rein über das Messe-WLAN sowie den jungen Funkstandard Thread aus. Eine Internetverbindung besteht nicht. Ein unlauterer Show-Trick mit doppeltem Boden kann allein schon deshalb nicht vorliegen, weil Eve gar keine Cloud betreibt, über die sich das eigene Zubehör mit Amazons, Googles und Samsungs Webservern vernetzen ließe. Das macht die Demonstration umso glaubwürdiger.

Auch Tuya und Netatmo geben in der gleichen Halle interessante Ausblicke auf Matter – aber mit viel geringerem Praxisanteil. Ausprobieren lässt sich bei Tuyas selbstablaufender Demo zweier mit Thread und einem LAN-Gateway gesteuerten Glühbirnen leider nichts (Stand 121). Netatmos an Stand 107 ausgestellter Prototyp eines mit Thread funkenden Bewegungs- und Fensterkontaktsensors kann man bloß per Apple-Technik bedienen. Steuer-Geräte von Amazon, Google und Samsung stehen als reine Deko daneben. Erzählerische Lücken schließen an beiden Ständen Erklärvideos.

Kompliziertes Schaubild, einfacher Sinn: Matter-kompatible Glühbirnen von Tuya werden sich ohne die sonst obligatorische Tuya-Cloud mit lokalen Funkstandards bedienen lassen – ohne die Controller flashen zu müssen.

(Bild: Berti Kolbow-Lehradt)

Tuyas und Netatmos Matter-Kostproben erfordern zwar mehr Vorstellungskraft, doch sehr viel aufregendere Schauwerte bietet Eve zu dem abstrakten Netzwerkthema eigentlich auch nicht. Und das führt zu einer umso spannenderen Erkenntnis beim IFA-Besuch. Wenn Matter im Hintergrund so unauffällig funktioniert wie angekündigt, ist das Ergebnis recht unspektakulär. Es ändert sich gar nichts Wesentliches am gewohnten Bedienerlebnis mit den geläufigen Apps und Sprachassistenzen. Diese verstehen sich einfach nur ab Werk mit mehr Zubehör als zuvor.

Die Aussicht, der eigenen Kundschaft mehr Kombinationsmöglichkeiten mit Fremdzubehör zu bieten, motivierte auf der IFA weitere Hersteller zu Absichtserklärungen, Matter zu integrieren. Gegenüber heise online verkündete Netzwerkspezialist AVM, künftig die FritzBox-Router mit DECT-Basis um den Standard zu erweitern. Dadurch sollen sich nicht nur hauseigene Smart-Home-Geräte aus der FritzDECT-Reihe, sondern auch die von anderen Anbietern über die AVM-Software steuern lassen.

Bisher hielt sich AVM zu dem Thema bedeckt, hat nun aber erkannt: “Matter finden wir sehr vielversprechend”. Mit der ersten als Laborversion bezeichneten Beta-Firmware, die das unterstützt, sei aber nicht vor dem Frühjahr 2023 zu rechnen.

Yale ist anders als AVM bereits offizielles Mitglied der Matter-Initiative. Auf der Messe konkretisierte der Hersteller von smarten Schlössern und Sicherheitskameras auf Anfrage seine Pläne. Demnach sollen künftig prinzipiell alle neuen Smart Locks zu Matter kompatibel sein, erklärte der zuständige Produktdirektor Markus Henkelmann gegenüber heise online.

Zu diesem Zweck wird der Hersteller bei Neuerscheinungen Thread statt Bluetooth für den Datenaustausch einbauen, weil Matter letzteres Funkprotokoll nicht für Schaltbefehle akzeptiert. Außer Thread und LAN ist dafür WiFi vorgesehen. Eine Nachrüstlösung für Bestandsprodukte plant Yale laut Markus Henkelmann nicht. Das wäre nur bei den WLAN-Bridges möglich, die die Bluetooth-Schlösser ins Heimnetz einbinden. Doch vielen Anwenderinnen und Anwendern reichten die Grundfunktionen der Schlösser, die dafür keine Bridge voraussetzen. Dass eine große Kundschaft nur für Matter sich den Zusatzkauf leisten will, glaubt Yale nicht und sieht den Integrationsaufwand daher nicht gerechtfertigt.

Mit der Problematik für Bestandsprodukte ist Yale nicht allein. Um kein unnötiges Risiko einzugehen, warten viele andere Hersteller mit ihren Produktentscheidungen noch ab, bis Matter fertig ist – auch wenn sie den Standard grundsätzlich einbinden wollen. So wollen es auch Bosch Smart Home, LG, TP-Link und Samsung handhaben.

Das Regelwerk für die Matter-Spezifikationen trägt derzeit die Versionsnummer 0.9. Bevor sie auf 1.0 springt und damit Marktreife erlangt, sind noch finale Testrunden für erste Prototypen abzuschließen und Prozesse der beteiligten Prüfinstitute zu klären. Das erläuterte die zuständige Zertifizierungsorganisation Connectivity Standards Alliance (CSA) am Rande der IFA. Rund 130 Produkte in unterschiedlichen Entwicklungsphasen sind bei den Abschlusstests dabei. Wie viele davon wirklich schon zum Matter-Auftakt einsatzbereit sind, ist nicht absehbar.

Der für die Zertifizierung zuständige CSA-Director Jon Harros erklärt während eines Events des Herstellers Tado am Rande der IFA 2022, welche Produkte der Matter-Standard zu dessen Start abdeckt und für welche erst zu einem späteren Zeitpunkt Spezifikationen folgen.

(Bild: Berti Kolbow-Lehradt)

Den Startschuss für den Standard terminierte der zuständige Director Jon Harros unverändert vage für “Herbst 2022”. Nach Informationen von heise online ist ein großes Launch-Event für November in Amsterdam geplant, was die CSA aber nicht bestätigen wollte. Stattdessen konkretisierte Harros, mit welchen Produktkategorien zu rechnen ist. Demnach unterstützt Matter 1.0 Funktionen für Licht und Schaltzubehör, Ventilatoren, Heizungen und Kühltechnik, Schlösser, mehrere Sensorkategorien, Fensterverkleidungen, Smart TVs sowie Bridges.

Definitiv zum Start nicht verfügbar sind Haushaltsgeräte der “weißen Ware”, Saugroboter, Videotürklingeln und Sicherheitskameras, Energiezubehör wie Wallboxen sowie Access Points und sogenannte Border Router. Spezifikationen für diese Geräte erarbeiten Fachleute aktuell für eine der kommenden Matter-Versionen.

Außerdem ist schon jetzt klar: Unter dem Weihnachtsbaum liegen dieses Jahr voraussichtlich noch keine brandneuen Smart-Home-Geräte, die direkt aus dem Karton Matter beherrschen. Schon allein die aktuell langen Lieferzeiten sprechen dagegen, sagte Harros. Bessere Chancen haben Smart-Home-Fans mit bereits gekauften Bestandsgeräten, die schon während der Matter-Entstehung die begleitenden Tests durchlaufen haben und sich nach erfolgreicher Prüfung per Software nachrüsten lassen.

Beispielsweise Eve hat schon vor zwei Jahren begonnen, neue Modellvarianten mit dem Matter-tauglichen Funkstandard Thread auszustatten. Klappt alles, wie von Hersteller erhofft, erlauben noch vor dem Jahresende finale Firmware-Updates für mehrere Sensoren, ein Heizkörperthermostat, eine Wetterstation und einen Rollomotor erstmals ein Setup über Matter. Ohne Spielpartner wäre das zwar wenig wert. Doch Eve-Sprecher Lars Felber ist optimistisch, dass bis dahin auch andere Matter-Mitstreiter genügend Produkte und Steuerprogramme für den neuen Standard parat haben.

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