September 24, 2022
Hartz 4 zu niedrig? Dieser Gründer will hunderte Euro mehr herausholen

Das Bremer Legal-Tech vertritt Kunden ohne Rechtsschutzversicherung und wird finanziell von einem Versicherer unterstützt. Dabei hatte der Gründer anfangs noch das Ende der Branche prophezeit.

Vertritt mit der Rightmart Group bewusst

Vertritt mit der Rightmart Group bewusst „Kleine gegen Große“: Gründer Marco Klock.

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Als Marco Klock und Philipp Harsleben 2015 in Bremen ihr Startup gründeten, da glaubte Klock noch an das Paradigma: Legal-Tech schafft den Anwalt ab. „Das habe ich sogar selbst so formuliert“, bekennt der Gründer heute, weniger zerknirscht als amüsiert. Denn: Das stimme natürlich überhaupt nicht. Heute beschäftigt er 36 Anwältinnen und Anwälte in seinem Legal-Tech-Unternehmen. 

Und noch so eine Aussage musste Klock in gewisser Weise zurücknehmen: Die Rightmart Group – bis vor Kurzem noch Atornix genannt – verspricht, jenen Menschen zu ihrem Recht zu verhelfen, die keine Rechtsschutzversicherung haben. Immerhin seien das, so Klock, fast 60 Prozent aller Deutschen. Entsprechend hat er 2018 einen Artikel veröffentlicht mit dem Titel „Das Ende der Rechtsschutzversicherung“.

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Irgendwie sei der auf einem Kongress von Rechtsschutzversicherern gelandet und habe letztlich dazu geführt, dass ein solcher bei Klock anklopfte. „Es gab offenbar Versicherer, die sahen, dass das Thema Rechtsschutzversicherung und Rechtsdienstleistung, wie wir sie anbieten, zusammenwachsen“, so Klock. Vielleicht sahen sie auch, dass nur wenige junge Menschen sich für eine solche Versicherung erwärmen können.

Und so traf die Auxilia Rechtsschutzversicherungs AG im Oktober 2019 die strategische Entscheidung, einen mittleren siebenstelligen Betrag in die Rightmart Group zu investieren. Im Februar 2022 erhöhte der Münchner Versicherer sein Engagement und steckte gemeinsam mit Rightmart selbst weitere 6,5 Millionen Euro in das Legal-Tech für Menschen ohne Rechtsschutzversicherung. 

Rechtsberatung effizient gemacht

Rightmart digitalisiert die Prozesse der Rechtsvertretung und reduziert Ineffizienzen im Rechtsmarkt. In erster Linie tun die Bremer das per Software, einer „technologischen Plattform“, wie der Gründer erklärt, auf der seine Mitarbeiter eine „strukturierte Datenbasis schaffen, die wir nutzen, um juristische Prozesse zu automatisieren.“

Dafür beschäftigt Rightmart neben den Anwälten mindestens genau so viele Techies, die die Arbeit der Anwälte zwar nicht verschwinden lassen, aber sie einfacher, effizienter und schneller machen sollen. So sollen sich dann auch Leute einen Anwalt leisten können, die sich eigentlich keinen Anwalt leisten können. Denn das sei Righmarts Mottos sagt Klock: „Wir wollen Recht für alle zugänglich machen.“

Ein Beispiel: Aktuell klagen viele Kunden gegen private Krankenversicherungen wegen Beitragserhöhungen. Eigentlich, erklärt Klock, ist jeder Fall für sich recht aufwendig, denn vieles hängt nicht nur von der Versicherung, sondern auch etwa vom Alter des Vertrages und anderen Faktoren ab. Seine Sachbearbeiter speisen die Informationen von allen Fällen, die an sie herangetragen werden, in die Datenbank. Diese wächst, und je mehr Fälle aufgenommen werden, desto schneller geht es, weil ein wachsender Teil der Infos bereits hinterlegt ist.

„Wir vertreten die Kleinen gegen die Großen“

Rightmart kümmert sich um Anliegen aus den Bereichen Miet-, Bank- und Kapitalmarkt-, Versicherungs- oder Verkehrsrecht. Und gern auch um Skandale wie den um Wirecard, VW und das Dieselgate oder um Kreditwiderrufe. Das Unternehmen ist unter anderem Anbieter der beiden Plattformen Dieselskandal-helfer.de und Hartz4widerspruch.de. Besuchern letzterer Seite verspricht er, bis zu 650 Euro mehr pro Jahr zu erstreiten. „Wir vertreten immer die Kleinen gegen die Großen“, sagt Klock. Vergleiche mit Robin Hood aber mag er nicht so gerne hören.

Die hinken ja auch, denn im Gegensatz zum Rächer der Armen hat Rightmart ja schon auch ein Geschäftsmodell: Rightmart vertritt Kleine, wenn das Unternehmen davon ausgeht, dass ausreichend viele ihren Fall gewinnen werden. Über diese Gewinne finanziert sich das Unternehmen selbst und subventioniert jene Fälle, in denen seine Mandanten nicht gewinnen. Die Mandanten selbst zahlen nichts an Rightmart. Es sei eine Mischkalkulation, so Klock. Gut seien zum Beispiel die Abgasskandalfälle, weil der Streitwert hoch und die Rechtslage ziemlich stabil ist und Rightmart 25 Prozent davon bekommt. 

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Nach diesem Prinzip funktionieren viele Legal-Tech-Unternehmen, die in den letzten Jahren entstanden sind. Erfolgreicher Pionier: Flightright. Seit 2010 setzt das Berliner Startup Fluggastrechte gegenüber Airlines durch, etwa bei Flugverspätung oder Ausfällen sowie. Das Unternehmen hat zu seiner Anfangszeit große Erfolge gefeiert, wurde sehr bekannt – und häufig kopiert.

Viele Legal-Techs floppten

„Seit 2015 sind eine Menge Unternehmen entstanden, die sagen: ‚Wir werden das Flightright für XY‘, sagt Klock. „Wir schmeißen Online-Marketing an und die Mandanten kommen. Aber das ist einfach nicht der Fall.“ Die Menschen suchen offenbar deutlich seltener einen Anwalt im Netz, als manche Gründer glauben. Viele der Anläufe floppten.

Das war ein nicht unwesentlicher Grund, warum Marco Klock sich letztlich für den strategischen Investor entschieden hat, wenngleich er sich mit Wagniskapitalgebern im Gespräch war. „Wenn ich mit VCs spreche, ist es immer noch so, dass ich das Gefühl habe, ich müsse mich für den Misserfolg der Legal-Tech-Branche entschuldigen“, sagt Klock. Zwischenzeitlich habe er es deshalb sogar ganz vermieden, bei seinem Unternehmen von einem Legal-Tech zu sprechen.

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