September 25, 2022
GQ Hype: Stromae ist der Maestro des Pop

Hier, in einer Ecke der zum Studio umgebauten Wohnung, hat Stromae den Großteil seines letzten Albums aufgenommen. Die großen Fenster lassen das Tageslicht herein und bieten dem Künstler einen atemberaubenden Blick auf die umliegenden Gebäude. „Ich hatte keine Lust, mich im Dunkeln zu verkriechen, ich wollte einfach einen Ort für mich, an dem ich kreativ sein kann“, erzählt er, sichtlich froh darüber, seinen eigenen Kokon zu haben. Als wir nach oben gehen gesteht der Belgier, dass er beim Nachdenken über seine Musik das Bedürfnis nach Einsamkeit habe. Aus Rücksicht auf andere? „Ich habe nicht gerne das Gefühl, jemandem die Zeit zu stehlen, wenn ich ihn bitte an einem Tag zu kommen, an dem ich keine Inspiration habe.“ Aus Bescheidenheit? „Allein zu sein ist eine Garantie dafür, dass ich so authentisch wie möglich bin. Ich verstehe mich zwar sehr gut mit meinen Leuten, aber ich möchte mich nicht von ihnen unter Druck gesetzt fühlen, oder das Gefühl haben, ihnen gefallen zu müssen und nicht mehr auf meine eigenen Wünsche zu hören, während ich kreativ bin.“

Pour un art total

Für „Multitude“ saß Stromae also manchmal mehr als vier Stunden pro Tag allein vor seinem Mikrofon. Das nimmt viel Zeit in Anspruch, ist repetitiv und grenzt an Besessenheit, aber es ist offenbar ein kreativer Prozess, den der Maestro braucht, um die passende Verbindung zwischen einem schönen Wort, seiner Bedeutung und seinem ganz persönlichen Klang zu finden. „Ich möchte weder sinnentleerte Lieder schreiben, die gut klingen, noch Poesie in Lieder packen: Ich befinde mich dazwischen.“ Der Belgier denkt sogar darüber nach, in Zukunft auch Songs ohne Reime zu schreiben. Er nennt als Beispiele den französischen Rapper Koba LaD und den Musikstil “kongolesische Rumba”. Der Vorteil sei, dass man beim Schreiben mehr Freiheit habe, weniger von Reimschemata abhängig sei und sich Gedanken oder Texte erlauben könne, die bisher nicht denkbar waren. 

Mantel Rhude

© Alique

Von tristesse und spontanéité

Es mag erstaunlich sein, eine solche Aussage aus dem Mund eines Künstlers zu hören, der sich scheinbar alles erlauben kann. Und der sich in der Tat viel erlaubt: Musikvideos für die Besten der Popwelt (Billie Eilish, Dua Lipa, Major Lazer), Kollaborationen mit französischsprachigen Rappern (Disiz, Orelsan, Caballero & JeanJass), ein dreiteiliger Dokumentarfilm, in dem Musikstars (Lorde, Madonna, Will. i.am, Angèle…) nur Gutes über ihn sagen, Live-Auftritte bei US-Komiker Jimmy Fallon. Auch ein Song mit Coldplay und Verbindungen zur Mode dank der Kollektionen von Mosaert reihen sich in diese Liste ein. Viele würden in solch einem Lebenslauf ein Zeichen für die Ambitionen eines opportunistischen Künstlers erkennen, der immer bereit ist, die neuesten Trends zu absorbieren.

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