September 28, 2022
Film über David Bowie: “Moonage Daydream” ist ein genialer Trip ins Herz des Jahrhundertmusikers

Weder erzählt der Film chronologisch aus dem Leben des Mannes, der 1947 als David Robert Jones in London geboren wurde, noch ploppen Zeitzeugen ins Bild, die erklären, welche Bedeutung Bowie für die Musikgeschichte habe. „Wenn eine andere Person etwas über Bowie sagt“, erklärt Morgen, „wird das zu einer Information. Das ist nicht cineastisch. Das ist nicht spürbar. Das ist Wikipedia.“ Morgen will Bowie nicht erklären, sondern erfahrbar machen. Es ist ihm gelungen.

Immer wieder ist es Bowie selbst, dessen Stimme aus dem Off erklingt, Material aus irgendeinem alten Interview, in dem er die Liebe zu seinem großen Bruder erklärt, welche Bücher der ihm zu lesen gegeben habe, auf welche Gedanken er ihn gebracht habe. Auch blendet der Film keine Jahreszahlen ein, sondern markiert die entscheidenden Umbrüche in Bowies Leben wie den Umzug nach Los Angeles, später den Umzug nach Westberlin oder die Zeit, in der Drogen in Bowies Leben eine etwas größere Rolle gespielt haben, indem er diese Umbrüche einfach mit dem abbildet, was Bowies an Bildern so reiches Leben hergibt. Etwa mit einem Interviewaus­ schnitt, von dem wir zwar nicht wissen, aber in Anbetracht von Bowies Gebaren stark annehmen dürfen, dass er da nicht nüchtern ins TV­-Studio spaziert ist. (Lesen Sie auch: Star-Architekt Francis Kéré im GQ Porträt: “Ich bin die Sonne”)

Aufstände, Umbrüche und “Ch­-ch-­ch-­changes!”

Was Bowie in all den alten Interviews von sich gibt, in was für Looks er auftritt, wie er zum Beispiel einmal wie ein Verrückter mit weit aufgerissenen Augen an einem Gehstock herumspielt, während er sich vom amüsierten Moderator ausfragen lässt, ist kaum zu fassen in der Dichte, in der Morgen all das zusam­menschneidet. Immer dann, wenn sich in Bowies Leben wie­ der eine seiner berühmten Verwandlungen abzeichnet, werden die Schnitte schneller, die Bilder noch rauschhafter, die Musik mitreißender. Es fließen Szenen aus dem Weltgeschehen ein, Zuspitzungen des Kalten Kriegs, Aufstände und Umbrüche, auf die Bowie in irgendeiner Form mit seinem Werk reagierte. Ch­-ch-­ch-­changes!

Bei dem Arrangement seiner Filmcollage habe er immer drei Adjektive im Kopf gehabt, sagt Morgen. Rätselhaft, grandios und intim. „Mit genau diesen drei Adjekti­ven würde ich auch beschreiben, wie es sich anfühlt, ein Bowie­-Album zu hören.“

Morgens Karriere basiert auf dieser Machart von Künstlerporträts. „Meine Idee dahinter ist, dass wir durch die subjektive Perspektive eine tiefere Wahrheit erfahren“, sagt Morgen. „Viel mehr als wenn wir eine Menge Leute fragen, ob sie uns etwas über Bowie erzählen.“ Vor 20 Jahren erlangte er mit seinem ersten großen Film einen Erfolg. „The Kid Stays in the Picture“ erzählt die Lebensgeschichte des legendären Film­produzenten Robert Evans, der unter ande­rem „Der Pate“ produzierte. Auch da spricht nur Evans selbst seine Lebensgeschichte aus dem Off über einen Bilderreigen aus Morgens Regie.

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