September 24, 2022
Diese fünf Maßnahmen helfen Euch, eine bessere Fehlerkultur in Eurem Unternehmen zu etablieren

Misserfolge haben in Deutschland immer noch einen schlechten Ruf. Die Expertin Mareike Bruns verrät konkrete Tipps, wie Startups es zur positiven Fehlerkultur schaffen.

Wer mit viel Fleiß an einem gemeinsamen Ziel arbeitet, ist emotional involviert – Gemüter können bei Fehlern von Mitarbeitern schnell überkochen. Doch es gibt bessere Wege, als die „Schuldigen” frontal anzugehen.

Wer mit viel Fleiß an einem gemeinsamen Ziel arbeitet, ist emotional involviert – Gemüter können bei Fehlern von Mitarbeitern schnell überkochen. Doch es gibt bessere Wege, als die „Schuldigen” frontal anzugehen.

Getty Images/Jetta Productions/Walter Hodges

Dieser Artikel ist die Meinung der Autorin und vermittelt ihre Sicht.

Mareike Bruns ist Therapeutin beim Mental-Health-Startup Auntie. Mit Auntie können Unternehmen ihren Mitarbeitern persönliche Online-Psychologie-Hilfe zur Verfügung stellen.

Was haben Penicillin, Champagner und Post-its gemeinsam? All diese Erfindungen sind das Resultat von Fehlern, die ihre Erfinder gemacht haben. Im fehleraversiven Deutschland mag es vielleicht noch nicht ganz angekommen sein, doch Fehler können auch positive Auswirkungen haben, vor allem wenn sie als Treiber von Innovationen genutzt werden.

In den letzten Jahren haben sich daher immer mehr Unternehmen auf die Fahne geschrieben, eine positive Fehlerkultur zu etablieren.

Positive Fehlerkultur – was ist das und warum brauche ich das?

Ob gut oder schlecht, bewusst oder unbewusst – jeder Mensch und jedes Unternehmen hat eine eigene Fehlerkultur. Damit gemeint ist die Art und Weise, wie mit Störungen, Irrtümern und Problemen umgegangen wird und welche Konsequenzen daraus gezogen werden. Denn Fehler machen alle, der Unterschied liegt darin, wie mit diesen umgegangen wird. Dieser Umgang kann im Zweifel über persönlichen oder unternehmerischen Erfolg entscheiden. Gerade in Deutschland ist in dem Bereich noch viel Luft nach oben. Bei einer Globe-Studie zur Unternehmens- und Führungskulturen landete Deutschland in Bezug auf den Umgang mit Fehlern auf Platz 60. Untersucht wurden insgesamt 61 Länder.

1. Mentalität verändern

Misserfolge haben hierzulande also immer noch ein schlechtes Ansehen – vollkommen zu Unrecht. Zufällige Erfindungen und große Erfolge nach Missgeschicken zeigen, dass Fehler an sich nichts Negatives sind, sondern erst durch ihre Reflexion dazu gemacht werden.

Daher ist ein Wandel in der Mentalität der erste Schritt hin zu einer positiven Fehlerkultur. Dazu gehört es zunächst, zu akzeptieren, dass Fehler unvermeidlich sind. Niemand ist perfekt und diesen Anspruch sollte man auch nicht an seine Mitarbeitenden stellen. Des Weiteren sollten Fehler von den Personen getrennt werden, die sie begangen haben. Oder anders ausgedrückt: Hexenjagden vermeiden!

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Denn bei Schuldzuweisungen wird nicht nur Energie an der falschen Stelle verschwendet, sondern es wird ein Rahmen geschaffen, in dem kein:e Mitarbeiter:in eigenes Versagen kommunizieren möchte.

Eine positive Fehlerkultur lebt von Vertrauen und offener Kommunikation – zwei Dinge, die nicht gedeihen, wenn die Gefahr besteht, dass aus der offenen Kommunikation persönliche Nachteile entstehen. Das Stichwort hier heißt psychische Sicherheit. Diese erlaubt, ohne Angst vor negativen Folgen, das Selbstbild zu zeigen und positiv einzusetzen. Nebeneffekte davon sind, dass Mitarbeiter:innen ihr Wissen und ihre Fähigkeiten vollumfänglich einbringen und innovativer denken und agieren.

Denn durch eine Null-Fehler-Toleranz werden bei Missgeschicken und Problemen oft Gefühle wie Unzulänglichkeit und Schuld ausgelöst, gefolgt von Selbstvorwürfen, die insgesamt lösungsorientiertes Arbeiten verhindern.

Die Unternehmenskultur muss also dahingehend verändert werden, dass Fehler und Probleme als Lernmöglichkeiten begriffen werden, die den Ausgangspunkt für Lösungen und Verbesserungen bilden.

2. Mit gutem Beispiel vorangehen

Doch wie verändert man die eigene Unternehmenskultur? Wie bei vielen Dingen ist auch hier die Devise: Mit gutem Beispiel vorangehen! Aufgabe des Managements ist es nicht nur, Prozesse für eine positive Fehlerkultur zu etablieren, sondern diese auch selbst vorzuleben.

Natürlich ist die Verantwortung auf der Führungsebene größer und auch der potenzielle Schaden nimmt zu. Doch so schwer es ist, die eigenen Fehler einzugestehen und offen zu kommunizieren: Es fällt Mitarbeiter:innen deutlich leichter, wenn auch das Management offen und transparent mit eigenen Missgeschicken umgeht. Das nimmt den Druck, schafft ein entspannteres Arbeitsklima und sorgt ganz nebenbei dafür, dass das Management an Glaubwürdigkeit gewinnt.

Ex-Kanzlerin Angela Merkel entschuldigte sich letztes Jahr bei den Bürgern für die umstrittene Osterruhe-Regelung, die sie im Zuge des Corona-Lockdowns vorschlug. Für das Eingestehen des Fehlers und die Übernahme der vollen Verantwortung hat sie von der Öffentlichkeit viel Respekt erhalten und bewiesen, dass Politkerinnen und Politiker, genauso wie Chefinnen und Chefs, Menschen sind und als solche auch mal daneben greifen.

3. Aktiv eine positive Fehlerkultur schaffen und Prozesse etablieren

Der Weg zu einer offenen und positiven Fehlerkultur ist ein andauernder Prozess und sollte vom Management aktiv gestaltet und kommuniziert werden. Nur wenn die Mitarbeiter wissen, dass ihr Unternehmen Missgeschicken und Pannen grundsätzlich positiv gegenübersteht und diese nicht totgeschwiegen oder gar bestraft werden, sinkt auch die Hemmschwelle, eigene Fehler einzugestehen und zu kommunizieren.

Je nach Branche und Berufsfeld können die Anforderungen an den konkreten Prozess sehr unterschiedlich sein. Wichtig ist vor allem, dass alle Mitarbeitenden wissen, wie dieser konkret aussieht und welche Schritte er enthält. In vielen Bereichen macht es Sinn, eine Anleitung mit den wichtigsten Punkten in der gemeinsamen Ablage zu hinterlegen. Diese kann je nach Feedback und Erkenntnissen überarbeitet und angepasst werden, praktisch als Best-Practice-Beispiel einer guten Fehlerkultur.

Einige Punkte sollte der Prozess aber in jedem Fall enthalten. Dazu gehört einmal, dass Fehler und Probleme umgehend und ohne Zeitverzug gemeldet werden sollten, um den betriebswirtschaftlichen Schaden gering zu halten und schnellstmöglich an einer Lösung arbeiten zu können. Außerdem sollten im Idealfall mehrere Stellen informiert werden, darunter auch HR.

Fest etablierte Abläufe und Standards sorgen insgesamt für eine Reduzierung von Fehlerquellen und minimieren betriebswirtschaftlichen Schaden und geben Mitarbeiter:innen Sicherheit und Orientierung.

4. Belohnungen etablieren und Anreize schaffen

Damit Fehler, wenn begangen und erkannt, auch tatsächlich kommuniziert werden, muss die Hemmschwelle für alle so niedrig wie möglich gehalten werden. Dafür braucht es gegenseitiges Vertrauen und im besten Fall eine unternehmensweite Vereinbarung, welche zusichert, dass das Ansprechen von Fehlern und Missständen keine negativen Konsequenzen nach sich trägt. Es ist dann Aufgabe der HR-Abteilung, sicherzustellen, dass diese Vereinbarung auch eingehalten wird.

Zudem helfen positive Anreize für das Melden von Fehlern dabei, dass diese auch gemeldet werden. Dabei geht es nicht darum, Nachlässigkeit und Faulheit zu honorieren, sondern den Mitarbeiter:innen die Angst davor zu nehmen, Fehler aufzuzeigen oder zuzugeben.

In welchem Format Anreize geschaffen und Hemmschwellen gesenkt werden, hängt stark von der allgemeinen Unternehmenskultur ab. Aber bekanntlich lehrt das Leben und das Lachen korrigiert. Warum also nicht Pannen und Probleme mit einer Schippe Humor nehmen. So kann auf Irrtümer mit Champagner angestoßen werden (schließlich ist der auch durch ein Problem entstanden) oder man etabliert eine regelmäßige Fuck-up-Night, in der alle die Gelegenheit erhalten, ihre schlimmsten Fehler zum Besten zu geben, inklusive anschließender Preisverleihung.

Wichtig ist dabei, dass das Format positiv bleibt und Mitarbeiter:innen nicht vorgeführt werden, sondern von sich aus von ihrem Scheitern erzählen und was sie daraus gelernt haben. 

5. Selbstverbesserung fördern für mehr Resilienz & bessere Mental Health

Unternehmen können viel tun, um eine positive Fehlerkultur zu schaffen. Doch diese ist nur wirksam, wenn Management und Angestellte gleichermaßen daran arbeiten. Daher sollten Arbeitgeber ihre Mitarbeitenden darin fördern, auf ihre mentale Gesundheit zu achten und sich selbst weiterzuentwickeln.

Denn eine persönliche negative Fehlerkultur kann auch ein Symptom von schlechter mentaler Gesundheit sein. Da kann es helfen, aktiv die Resilienz, also die psychische Widerstandskraft und Anpassungsfähigkeit, zu trainieren. Teil davon ist es etwa, sich eine optimistische Grundhaltung einzuüben und Akzeptanz für Fehler und Probleme zu entwickeln, gerade wenn diese außerhalb der eigenen Kontrolle liegen. Zudem handeln resiliente Menschen lösungsorientiert und übernehmen Verantwortung.

Resilienz und mentale Gesundheit können im Großen und Kleinen durch Achtsamkeitsübungen und Selbstliebe trainiert werden. Dies kann vom Unternehmen durch verschiedene Benefits wie Kurse, Workshops oder das zur Verfügung stellen von Mental Health-, Coaching- und Meditationsangeboten aktiv unterstützt werden.

Außerdem sollten Kommunikations- und Austauschformate der Mitarbeiter:innen untereinander gefördert werden. Firmenfitness, (virtuelle) Kaffeepausen oder Interessengruppen steigern nicht nur das Gemeinschaftsgefühl und nachweislich auch die Produktivität, sondern geben die Möglichkeit, sich informell Tipps und Unterstützung zu geben.

Aller Anfang ist schwer

Es kostet Überwindung, sich Fehlern zu stellen. Doch eine positive Fehlerkultur verbessert das Arbeitsklima und die Produktivität. Wenn Fehler als lehrreiche Erfahrungen begriffen und kommuniziert werden, können sie als Treiber von Innovation das Unternehmen voranbringen und zu einer Verbesserung der mentalen Gesundheit aller Mitarbeitenden führen. Eine positive Fehlerkultur ist ein andauernder Prozess und darf als solcher auch Fehler haben. Daher ist die wichtigste Maßnahme: einfach anfangen!

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